Ganzwerdung

Gemeinsam sind wir durch den trügerischen Glauben der Getrenntheit geschwommen und jetzt bewegen wir uns langsam zurück in Richtung unserer wahren Verbundenheit (Sherri Mitchel)

Einer der Zen-Koans, die mich am tiefsten berühren, lautet sinngemäß: „Wenn du glaubst, du hast es, liegst du schon völlig daneben.“ In dieser scheinbaren Paradoxie verbirgt sich eine tiefe Wahrheit über das Wesen des Wissens und der Erfahrung. Ein ähnlicher Gedanke findet sich bei dem Physiker Hans-Peter Dürr:

Das Komplexe, das erfahren wir eigentlich nur, wenn wir sagen ‚ich ahne‘!

Beide Zitate sind eine Einladung, fragend zu bleiben, immer weiter zu fragen – ja, die Frage selbst zu sein. Es ist ein Weg und zugleich ein Ziel, in die Frage hineinzuleben, so wie es Rilke in seinem berühmten Brief „Über die Geduld“ beschreibt. In einer Welt, die nach schnellen Antworten und einfachen Lösungen verlangt, ist dieser Pfad eine bewusste Entscheidung für die Tiefe. Monokausale Erklärungen, mögen sie noch so verlockend und eingängig sein, versperren den Blick auf das Ganze. Sie hindern uns daran, die Komplexität des Lebens zu erfahren und uns in der Bewusstheit dieser Komplexität den unendlichen Möglichkeiten erahnend anzunähern. Es geht darum, die Antwort nicht zu „greifen“ oder festzuhalten, sondern mit „offener Hand“ zu empfangen, ein Bild, das Hans-Peter Dürr oft so anschaulich beschrieb.

Mit dem Verlust des Wissens um unsere Einbettung in eine größere, zyklische Ordnung haben wir begonnen, linear zu denken – in starren Entweder-oder-Kategorien. Doch was, wenn die Wahrheit vielschichtiger ist?

Dieses lineare und spaltende Denken ist längst nicht mehr dienlich, ist es nie gewesen! In der westlichen Welt dominiert ein System aus Wissen und Macht, das sich seit Jahrhunderten als alleinige Wahrheit, Vernunft und Fortschritt tarnt. Die Welt wird dabei auf Materie reduziert und in hierarchische Strukturen gezwungen, die messbar und kontrollierbar sind. Die feministische Autorin und soziale Denkerin Minna Salami bezeichnet dieses System treffend als „Europatriarchat“. Es ist ein Denken, das trennt, was eigentlich zusammengehört: Mensch und Natur, Geist und Körper, Wissen und Fühlen.

Was, wenn der Mensch weder gut noch böse ist, sondern einfach ein Teil des Ganzen – mittendrin im Fluss des Lebens

Selbst wenn wir erkennen, dass ein grundlegender Wandel in unserem Denken notwendig ist, erfordert dieser Prozess Zeit. Gesellschaftliche Transformationsprozesse unterliegen häufig einem sogenannten „Cultural Lag“. Dieser Begriff, geprägt vom amerikanischen Soziologen William Fielding Ogburn, beschreibt die zeitliche Verzögerung, die entsteht, weil technologische und kulturelle Entwicklungen oft in unterschiedlichem Tempo voranschreiten. Obwohl wir über ein fundiertes Wissen für den Wandel verfügen, vergeht oft eine erhebliche Zeitspanne, bis dieses Wissen tief in unser Handeln integriert wird und unsere Kultur prägt.

Diese Erkenntnis als Bezugspunkt in der Diskussion um gesellschaftlichen Wandel einzubeziehen, ist nicht nur hilfreich, sondern auch tröstend. Sie erinnert uns daran, geduldig mit uns selbst und dem Kollektiv zu sein.

Transformation ist kein linearer Sprint, sondern ein zyklischer Prozess des Erinnerns, des Verlernens und des Neu-Werdens.

Es ist die Kunst, die Frage zu leben, bis wir eines fernen Tages, ganz unbemerkt, in die Antwort hineingewachsen sind.

Dass wir getrennt sind, ist eine Illusion. Wir sind immer ganz, eingebettet in einem Ganzen – „Holon“ wird das nach A. Koestler genannt . Wir sind verwoben in einem Netz von Lebendigkeit. Mit „Weg der Ganzwerdung“ meine ich, dass wir uns dieser Realität in unserem Sein und Werden wieder bewusst werden müssen, um mit unserem Handeln wieder lebensdienlicher in diesem großen Netz zu wirken!

©LilianFRITZ2026