Gedanken zur Ganzheitlichkeit

„It’s a lot of fun, but it’s a lot of pain“

Mittlerweile voll und ganz im Mainstream angekommen, hat der Begriff der Ganzheitlichkeit ein wenig an Profil eingebüßt. Er begegnet uns geradezu an allen Ecken und Enden, ist zum modischen „must-have“ gereift, was im Sozius stets einen Hauch Beliebigkeit mit sich bringt.

In persönlichem Anliegen habe ich eine Suchmaschine bemüht, mir einen „ganzheitlichen Zahnarzt“ in Wien aufzustöbern – siehe da, ich wurde fündig. Als philosophisch interessierter Mensch, habe ich sogleich angerufen um das Wesen am anderen Ende der Leitung euphorisch auszuquetschen, welcher der zahlreichen Strömungen im ganzheitlichen Weltbild sich die Zahnarztpraxis zugehörig fühle. „Naja, wir machen halt auch Prothesen…“, war als Antwort nicht unbedingt erquickend. Und wahrscheinlich würde man mancherorts eine vergleichbare Erklärung erhalten. Das ist jetzt bitte schön nicht als Nörgelei zu verstehen. Mode unterliegt oftmals dem Phänomen, dass mit der Popularität jene Tiefe scheinbar verloren geht, die den Pionier:innen die Beharrlichkeit verschafft hat, an ihrer Vision dranzubleiben, bis sie sich in weitreichender Breite etabliert hat. Es liegt nunmehr am einzelnen Individuum, sich zu vertiefen oder an der Oberfläche Genügsamkeit zu finden.

Immensen Tiefgang stellte der mittlerweile verstorbene theoretische Physiker und Vorstand des Max-Planck-Instituts Hans-Peter Dürr unter Beweis und lieferte mit dem Buchtitel „Wir erleben mehr als wir begreifen“ eine, für mein Dafürhalten, brillante Denk-Eröffnung für eine elaborierte Auseinandersetzung mit dem epochalen Paradigmenwechsel den das ganzheitliche Weltbild bedeutet. Oft erscheint es mir, dass das wahrhaft Geniale/Innovative mit zumindest einem Bein auf dem Naheliegenden fußt und nur eine scheinbar kleine Nuance ins Bestehende einwirft, die erfrischend „schuppenlösend“ auf innere wie äußere Augen wirkt.

Das „Erleben“ ist erheblich umfassender als das „Begreifen“. Im Erleben spielen Sinnesdaten eine zumindest gleichbedeutende Rolle wie die analytisch erfassbaren. Kontexte in Kontexten in Kontexten (usw., usf.) werden nicht abstrahiert sondern sind unabgegrenzter Teil der betrachteten Phänomene. Ganz anders verhält es sich beim Begreifen – Begriffe dienen uns, Phänomene analytisch in einzelne Komponenten zu zergliedern, nicht zuletzt, damit wir uns darüber austauschen können. Die Sprache schafft abstrakte Abbildungen, da die Datenmenge jedweder Erscheinung in ihrer Ganzheit unbewältigbar groß wäre – vergleichbar mit der Überschaubarkeit einer Landkarte im Unterschied zur tatsächlichen Landschaft. Folgerichtig erscheint uns das Leben durch die analytische Linse betrachtet, überschaubar, geordnet und in seiner Kausalität nachvollziehbar. Entspannung tritt ein, Kontrolle scheint zum Greifen nah.

Aber dann kommen wir mit hoher Zuverlässigkeit immer wieder an Anforderungen heran, die uns daran erinnern, dass Lebendigkeit nicht mit analytischen Kriterien in Zaum zu halten ist. Auf den Flüssen unserer Tränenströme winken wir dann betroffen den Traumschiffen unserer Hoffnung nach Kontrolle und Meisterschaft über das Leben hinterher. Und wenn das Drama nicht die gesamte Bandbreite unserer Wahrnehmung für sich beansprucht, dann können wir besonders in diesen Momenten ein Angebunden-sein spüren, das sich nur einstellt, wenn wir uns über(!) die rationale Weltsicht hinaufgeschwungen haben.

In diesem nicht-konzeptionellen Gewahren kommen wir zu einer Sicht auf die Welt, die eher dem gestreuten Blick entspricht als dem fokussierten. Auch wenn der Vergleich ein wenig hinken mag, so bringt er als Metapher doch das Augenmerk, dass die Peripherie (hier sowohl als Kontext sowie als Sinnesdaten zu verstehen) im gestreuten Blick in unser Sichtfeld rückt, während selbiges in der fokussierten Perspektive (analytischer Verstand) am Umfang einbüßt… „Wir erleben mehr als wir begreifen“ bedeutet also auch, dass wir uns, im Sinne einer ganzheitlichen Weltsicht aus den westlichen Denktraditionen emanzipieren können.

Ein weiterer Vordenker in diesem Zusammenhang ist Arnold Keyserling – in seinem Buch „Geschichte der Denkstile“ liefert er einen Überblick über verschiedene Weltsichten (im Verlauf der Menschheitsgeschichte sowie rund um den Globus) und regt an, dass es einer zeitgemäßen Haltung entspräche, zwischen diesen Perspektiven frei beweglich zu bleiben. Das Bewusstsein darüber, dass die eingenommene Sichtweise direkt mit der daraus resultierenden Wahrnehmung verschaltet ist, spiegelt sich in der Wortschöpfung „Schaulogik“ des amerikanischen Philosophen Ken Wilber wider. Ähnlich wie Keyserling hat Wilber mit seiner integralen Theorie einen Überblick über eine Vielzahl von Denk- und Betrachtungstraditionen geliefert und sich im Sinne einer Beilegung ideologischer Scharmützel um den Brückenschlag zwischen diesen Strömungen bemüht.

Fernöstliche Traditionen wie Yoga, Taoismus, Buddhismus pflegen seit jeher einen ganzheitlichen Anspruch. Auch animistische Kulturen weltweit beziehen in ihre Betrachtungen der Welt die Verbundenheit alles Seienden untrennbar mit ein. Die bedeutende amerikanische Psychologin und Autorin Anne Wilson Schaef hatte nach Jahrzehnten akademischem Erfolgs in den Bereichen Feminismus und Suchterkrankungen erfahren, dass sie über amerikanisch-native Wurzeln verfügt. Von den Cherokee in die Kultur ihrer Vorfahren eingeführt, erlebte sie eine geradezu durchschlagende Revolution ihres Gedankengebäudes – ihre neugewonnene, ganzheitliche Haltung schlägt sich in dem Zitat, „Life is a process. We are a process. The universe is a process.“ unverkennbar nieder.

Ein zuverlässiger Zugangspunkt zu einem ganzheitlichen Erleben sind die Künste. In den Sinnen beheimatet, mit einem großen Bewusstsein für die Relevanz von Kontexten und dem Anspruch, elaboriert mit analytischen Inhalten umzugehen ist das Nest bestens bereitet, Ganzheitliches auszubrüten. Mit dem Phänomen der Inspiration als (schon im Wortstamm unübersehbar) spirituellem Geschehen ist der transrationale Raum das natürliche Habitat schöpferischer Geister. Prozessorientiertes Vorgehen hat in der zeitgenössischen Kunst des formal-operative, planerische Denken und Tun abgelöst. „Es wird nicht was du willst, es wird, was es wird“, mit diesen Worten umreißt beispielsweise André Heller das künstlerische Geschehen. Dass die kreativen Prinzipien nicht nur auf die Kunst anwendbar sind, zeigt sich in einem Kommentar von Georg Zeilinger, der in einem Interview betont, dass ein Team von Wissenschaftlern, welches ein halbes Jahr nach dem Start eines Projekts noch immer an derselben Sache arbeiten würde, in seinem Ermessen das Recht auf Förderungen verwirkt hätte – denn offensichtlich hätten sie jeglichen Fleiß und Ehrgeiz vermissen lassen, sonst wären sie längst bei völlig anderen Fragestellungen gelandet.

An einem gefassten Plan beizubehalten, ohne Offenheit für Intuition und Bereitschaft impliziert, dass wir das Neue über bereits Bekanntes erreichen können. Ich halte dies für einen Irrtum. Das Leben offenbart sich uns in jedem Moment neu und lädt uns ein, frohen Mutes über das Drahtseil zu tänzeln. David Lynch erwähnt mehrfach dass „happy accidents“ (glückliche Unfälle) maßgeblich zu seinen Erfolgen beigetragen hätten. Als Anhänger der transzendentalen Mediation war er sehr fasziniert vom Erleben des „Unbegreifbaren“: “Being in darkness and confusion is interesting to me. But behind it you can rise out of that and see things the way they really are. That there is some sort of truth to the whole thing, if you could just get to that point where you could see it, and live it, and feel it … I think it is a long, long, way off. In the meantime there’s suffering and darkness and confusion and absurdities, and it’s people kind of going in circles. It’s fantastic. It’s like a strange carnival: it’s a lot of fun, but it’s a lot of pain.”

©Harald Sickha, 2025