Der Kreis der Transformation: Eine Landkarte für Wandel

Jeder tiefgreifende Wandlungsprozess im menschlichen Leben folgt einer inneren Logik, einer archetypischen Struktur. Dieser Prozess ist kein willkürliches Geschehen, sondern entfaltet sich entlang erkennbarer Muster und gewisser Gesetzmäßigkeiten. Durch das Verständnis dieser Gesetzmäßigkeiten entsteht eine Landkarte für Wandlungsprozesse, die uns Orientierung, Halt und Sicherheit geben kann.

Die Grundlagen: Von der Heldenreise zum Kreis der Transformation

Der Mythenforscher Joseph Campbell identifizierte in seiner vergleichenden Forschung eine universelle Erzählstruktur, die er als „Monomythos“ oder „Heldenreise“ bezeichnete. Er zeigte auf, dass die großen Narrative der Menschheit einem gemeinsamen Muster von Aufbruch, Prüfung und Rückkehr folgen. Mit dieser Erkenntnis zeigt er auf, dass Transformation natürlichen Gesetzmäßigkeiten unterliegt, die in uns wirken – unabhängig davon, ob wir sie bewusst erkennen.

Eine kritische Einordnung: Mythen und ihre Prägungen

Doch bei der Betrachtung archetypischer Narrative ist eine kritische Perspektive unerlässlich. Forscherinnen wie Gerda Weiler haben in ihrer Arbeit („Der enteignete Mythos“) aufgezeigt, wie patriarchale Gesellschaftsordnungen ursprüngliche Mythen umformten.

Erzählungen, die weibliche Weisheit und Schöpfungskraft in den Mittelpunkt stellten, wurden vielfach von männlich dominierten Narrativen überlagert und verdreht!

Eine bewusste Transformation und der Umgang mit den Gesetzmäßigkeiten muss daher die Aufgabe, diese tradierten Geschichten zu hinterfragen, einschließen. Der Prozess zielt dann nicht nur auf individuelles Wachstum, sondern trägt auch zur Heilung kollektiver Muster bei. Er öffnet Räume für Begegnung und Verbindung jenseits alter Hierarchien.

Gerda Weiler formulierte es treffend: „Unsere Reise zu den Ursprüngen ist zugleich die Reise in unsere Zukunft.“

Die Archetypen: Psychische Kräfte im Wandel

Auf dem Weg der Transformation wirken universelle psychische Kräfte, die Joseph Campbell als Archetypen beschrieb. Sie sind keine abstrakten Figuren, sondern lebendige Muster, die unsere innere und äußere Reise formen.

  • Der Ruf: Er manifestiert sich als eine innere Stimme, eine wachsende Unruhe oder eine Sehnsucht nach Veränderung. Oft wird er durch eine Lebenskrise, einen Verlust oder eine tiefe Einsicht ausgelöst, dass der bisherige Weg nicht mehr stimmig ist.
  • Mentor*in: Diese Kraft tritt als innere Weisheit oder äußere Führung in Erscheinung. Sie spendet Mut, gibt Orientierung und stellt das nötige Wissen oder die Werkzeuge für den bevorstehenden Weg bereit.  Mentor*innenkraft erinnert uns an unsere bereits vorhandenen Ressourcen.
  • Schwellenhüter*in: Dieses Prinzip verkörpert die inneren und äußeren Widerstände, die uns am Übergang ins Unbekannte hindern wollen. Es sind unsere Ängste, Zweifel und alten Gewohnheiten. Zugleich ist die Konfrontation mit dem Prinzip Schwellenhüter*in die notwendige Herausforderung, die den Wandel erst ermöglicht.

Die Spirale der Wandlung: Ein fortwährender Prozess

Jede Transformation ist zugleich Abschluss und Neubeginn. Der Kreis ist kein abgeschlossenes System, sondern gleicht im Bild eher einer Spirale. Mit jeder vollendeten Reise öffnet sich eine neue Ebene des Wachstums. Die Kunst des Wandelns liegt im Wissen, dass jede Ankunft „nur“ eine Zwischenstation auf dem Weg von Sein und Werden ist.

Gerade im Kontext der Kunsttherapie erhält diese Sichtweise besondere Bedeutung, insbesondere bei der Arbeit mit traumatischen Erfahrungen.

Der Kreis der Transformation bietet hier einen strukturierten und sicheren Rahmen, innerhalb dessen traumatische Brüche nicht als Endpunkte, sondern als mögliche Schwellen zu einer tiefgreifenden Wandlung verstanden werden können.

Indem die einzelnen Phasen künstlerisch erforscht und gestaltet werden, entsteht Raum, um verdeckte oder fragmentierte Anteile des eigenen Erlebens auszudrücken. So können schöpferische Prozesse dabei helfen, im Inneren Fragmentiertes zu verbinden, Selbstwirksamkeit und Hoffnung zu stärken, und letztlich Wege zur nachhaltigen Integration von Trauma zu eröffnen.

Kunsttherapie und der Kreis der Transformation wirken gemeinsam als kraftvolle Ressourcen, wo Heilung nicht im schnellen Überwinden, sondern im bewussten, gestalterischen Durchschreiten der eigenen Geschichte liegt. Gerade in der Kunsttherapie findet der Kreis der Transformation eine besondere praktische Umsetzung.

Nicht nur, dass er Orientierung und damit Sicherheit bringt – durch die schöpferische Auseinandersetzung mit den Phasen der Transformation werden persönliche Ressourcen gestärkt und bislang unbewusste Aspekte ins Bewusstsein geholt. Kunsttherapie setzt an der Schnittstelle von Erleben und Gestalten an und macht Unsichtbares sichtbar, Unsagbares hörbar, individuelle Entwicklungswege erfahrbar und nachvollziehbar.

In der Begleitung von Heilungs- und Entwicklungsprozessen wird so das Modell des Kreises der Transformation zu einer lebensnahen und inspirierenden Orientierungshilfe, die nicht nur mental verstanden, sondern kreativ und sinnlich erlebt werden kann.

So wird Transformation über das künstlerische Tun nicht nur symbolisiert, sondern aktiv erfahren und integriert – ein Prozess, der persönliches Wachstum, Heilung und kreative Selbstentfaltung wirkungsvoll unterstützt.

©LilianFritz2025