…in der ganzheitlichen Kunsttherapie!
Das Fundament…
Wir sehen die ganzheitliche Kunsttherapie basierend auf der untrennbaren Verbindung von Kunst und Therapie. Ihre Wurzeln liegen in der Arbeit mit Sinnesmodalitäten.
Aktuelle Forschungen, beispielsweise an der Medizinischen Universität Wien, bestätigen den Einfluss von Künsten wie der Musik auf den menschlichen Organismus. Diese Studien untersuchen die Auswirkungen auf physiologische Prozesse wie die Herztätigkeit und das Immunsystem.
Die Kunsttherapie schafft eine Brücke zwischen dem Materiellen, Körperlichen und dem Spirituellen, Seelischen. Sie agiert in einem Raum, der über naturwissenschaftliche Paradigmen hinausgeht. Kunst wird als ein ganzheitliches kulturelles Gebiet verstanden, das den Menschen in seiner Gesamtheit anspricht.
„In der Kunsttherapie steht die kreative und schöpferische Ausdrucks- und Gestaltungskraft, die jeden Menschen wesentlich ausmacht, im Zentrum der therapeutischen Begleitung. Inneres wird sinnlich konkret ausgestaltet, wahrgenommen und bearbeitet. Es wird emotional und körperlich erfahrbar, kommunizierbar und aus sich selbst heraus veränderbar“
(FRITZ-IPSMILLER 2004/1, 1).
Kompetenzbereiche der ganzheitliche Kunsttherapie
Harald Fritz-Ipsmiller baute mit Beginn 1999 mit der Akademie für heilsame Kunsttherapie und Kunsttherapie eine fundierte kunsttherapeutische Ausbildung auf.
Diese zielt auf die Entwicklung einer spezifischen Therapeut*innen-Identität ab, die sich aus drei zentralen Kompetenzfeldern speist:
- Theoretische Kompetenz: Ein fundiertes Wissen über die Theorien, die sowohl die Kunst als auch die Therapie betreffen.
- Methoden- und Medienkompetenz: Die Beherrschung von Techniken und der Umgang mit künstlerischen Medien im therapeutischen Kontext.
- Beziehungskompetenz: Die Fähigkeit, eine therapeutische Beziehung aufzubauen, die durch Kunst und Therapie geprägt ist.
Der Kern der kunsttherapeutischen Identität liegt in der spezifischen Verknüpfung dieser drei Kompetenzen mit den Domänen Kunst und Therapie.
Definitionen: Kultur, Kunst und Kreativität
Kultur
Kultur entsteht aus dem Bestreben des Menschen, die Anforderungen der Natur zu meistern. Sie ist das Nebenprodukt der Auseinandersetzung mit der Umwelt und der eigenen inneren Natur. Kultur umfasst nicht nur die Pflege des Äußeren (z. B. Ackerbau), sondern auch die Kultivierung der eigenen Persönlichkeit.
Kunst
Nach der wissenschaftlichen Definition von Prof. Wagner ist Kunst eine qualitative Form der sinnlichen Äußerung des Menschen. Sie ist eine hochrangige Ausdrucksform der körperlichen, emotionalen, geistigen und soziokulturellen Befindlichkeit. Kunst unterscheidet sich von der analytischen Äußerung, die den Wissenschaften zugeordnet wird.
„(…)uns heranzuführen an das Schöne, das Wahre, das Gute von uns selbst“ und „das ist der Beginn der Kunst“
(FRITZ-IPSMILLER, 2011, 8).
Kreativität
Kreativität ist der gemeinsame Nenner, der sowohl der Kunst (sinnlich) als auch der Wissenschaft (analytisch) zugrunde liegt. Im Kontext der Kunsttherapie hat Harald Fritz-Ipsmiller aufbauend auf den Thesen von Manfred Wagner die Entwicklung der sinnlichen Kreativität in fünf Stufen unterteilt:
- Ausdruckskreativität: Die grundlegende Fähigkeit, sich sinnlich auszudrücken.
- Produktive Kreativität: Die Fähigkeit, gezielt und zweckmäßig zu gestalten (z. B. die Herstellung von Faustkeilen).
- Inventive Kreativität: Das Entwickeln neuer Lösungsansätze und Techniken.
- Innovative Kreativität: Die Schaffung von etwas Neuem, das über Bestehendes hinausgeht.
- Emergente Kreativität: Die höchste Stufe, auf der etwas gänzlich Neues und Unvorhersehbares entsteht. Dies entspricht der Ebene der Kunst.
„Diese Kreativität – zumindest mit den Ergebnissen sinnlicher Erscheinungsformen – ist ein Phänomen, das die gesamte Menschheit umfaßt, keine Zeit und keine Gesellschaft verläßt, und somit entsprechend dem biogenetischen Grundsatz den Schluß zuläßt, daß sie, weil immer und überall vorhanden, lebenskonstituinell sein müsste, also feststehender Teil der menschlichen Existenz“
(WAGNER 2000, 28).
Die historische Entwicklung von Kunst und Therapie
Die Wurzeln der Kunsttherapie reichen bis zu den frühesten menschlichen Kulturen zurück. Der Schamane kann als Prototyp des Künstlers, Heilers und Zeremonienmeisters betrachtet werden, der zwischen der materiellen Welt, der Unterwelt (dem Unbewussten) und der Oberwelt (dem Spirituellen) vermittelt.
Früheste Kunstformen und ihre Funktion
Die Höhlenmalereien der Altsteinzeit (ca. 40.000 v. Chr.) stellen einen frühen Höhepunkt der Kunst dar. Neuere Forschungen deuten darauf hin, dass diese Höhlen keine Wohnstätten, sondern Orte für rituelle und initiatorische Zwecke waren. Die Wandmalereien entstanden oft in Trancezuständen und dienten als Membran zu einer anderen Wirklichkeitsebene, nicht primär als Jagdzauber. Diese rituellen Kontexte verbanden Heilung, Spiritualität und künstlerischen Ausdruck untrennbar miteinander.
Von der Natur zur Kultur
Der Mensch entwickelte sich vom Naturwesen, das auf Umweltanforderungen reagiert, zu einem Kulturwesen, das seine Umwelt aktiv gestaltet. Wobei dies nicht als Trennung, sondern als Weitung verstanden werden muss. Die Trennung ist an anderer Stelle geschehen. Ein entscheidender Schritt war der Übergang von der bloßen Nachahmung (Mimesis) zum verständnisvollen und kreativen Weiterentwickeln. Die gezielte und unterrichtete Herstellung von Faustkeilen markiert einen frühen Punkt, an dem nicht nur nachgeahmt, sondern ein Sinn verstanden und die Technik verbessert wurde. Dies zeigt eine frühe Form kultureller und geistiger Leistung.
Der Begriff „Steinzeit“ greift jedoch zu kurz, um die kulturelle Entwicklung adäquat zu beschreiben. Mittlerweile sind zahlreiche frühe Kulturtechniken rund um Fasern, Farben und Handwerk nachgewiesen, darunter Weben, Flechten und die Herstellung von Textilien. Wie Karin Bojs in „Die Mütter Europas“ darlegt, waren diese Praktiken hochentwickelt und Ausdruck komplexer gestalterischer Leistungen. Da die verwendeten organischen Materialien vergänglich sind und archäologisch selten erhalten bleiben, wird ihre Bedeutung oft unterschätzt. Der Fokus auf steinerne Werkzeuge im Begriff „Steinzeit“ ist daher irreführend, da er ebenso bedeutsame, aber vergängliche Kulturtechniken vernachlässigt.
Die Zwei Ziele der Genesung
Die Therapie verfolgt historisch zwei Ansätze zur Genesung („Recovery“):
- Freiheit vom Symptom: Der biomedizinische Ansatz, der auf die Beseitigung des Symptoms durch Chirurgie oder Pharmazie abzielt.
- Freiheit zum Symptom: Der seelsorgerische und therapeutische Ansatz, der dem Individuum Stabilität und eine neue Haltung gegenüber dem Symptom vermittelt, auch wenn dieses bestehen bleibt.
Die Kunsttherapie integriert beide Aspekte, da sie sich sowohl mit dem Physischen als auch mit dem Spirituellen befasst.
Stufenmodell der kunsttherapeutischen Arbeit
„KunsttherapeutInnen unterstützen den Menschen in seiner grundlegenden Ausdrucks- und Gestaltungsfähigkeit, in der die Ressourcen zur Transformation von erlebten Störungen liegen. Durch die Aktivierung des Menschen in seiner leiblichen, seelischen und geistigen Ganzheit wird die Rehabilitation und Wiederherstellung des kreativen, schöpferischen Vermögens zur Lebensgestaltung bewirkt“
(FRITZ-IPSMILLER 2004/2, 1).
Die kunsttherapeutische Praxis baut auf einem dreistufigen Modell auf, das die Entwicklung von der basalen Wahrnehmung bis zur hohen Kunst abbildet:
- Sinnlichkeit: Die grundlegende Ebene ist die Auseinandersetzung mit den Sinnesmodalitäten (kinästhetisch, gustatorisch etc.), ohne einen Anspruch auf Kreativität oder Kunst.
- Kreativität: Auf der nächsten Stufe wird die Sinnlichkeit gezielt und kreativ eingesetzt, um auszudrücken und zu gestalten.
- Kunst: Die höchste Stufe ist erreicht, wenn der kreative sinnliche Ausdruck ein qualitativ hohes Niveau erreicht.
Dieser stufenweise Aufbau stellt sicher, dass die Arbeit an den fundamentalen Sinneserfahrungen beginnt, bevor komplexere kreative und künstlerische Prozesse angestrebt werden.
„Kunst-Therapie verwendet die Medien nicht um anschließend etwas Hervorgekommenes mit anderen Mitteln zu bearbeiten. Dies ist wohl der eigentlichste Unterschied zur Psychotherapie. Wir gebrauchen die Medien nicht, damit etwas hochkommt, das wir dann bearbeiten können. Als „Künstler-Therapeut“ kennen wir jedes einzelne Medium, wir wissen um die Wirkungsweise jeder Kunst-Richtung. Wir haben uns ins Künstlerische selbst eingelassen und wissen was die einzelne Muse mit einem Menschen bewirken kann. Und wir lassen die Musen mit dem Klienten arbeiten. Wir begleiten und lassen die künstlerischen Prozesse selbst wirken.“
(FRITZ-IPSMILLER 1999, 4)
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Quellen:
- FRITZ-IPSMILLER, Harald. Vortrag „Kultur, Kreativität und Kunst“; 13. Februar 2009, in der Akademie für Kunsttherapie, WIEN.
- FRITZ-IPSMILLER, Harald. Grundlegende Stabilität; 1999, Akademie für Kunsttherapie, WIEN
- FRITZ-IPSMILLER, Harald; Was ist Kunsttherapie? Das Berufsbild! Resolution des ABOAT am 19. November 2004 in der Akademie für Kunsttherapie, WIEN.
- FRITZ-IPSMILLER, Harald. Vortrag „Erinnerung“; 2. April 2004 in der Akademie für Kunsttherapie, WIEN.
- FRITZ-IPSMILLER, Harald. Vortrag „Durch das Aussen nach Innen“; 9. April 2011 in der Akademie für Kunsttherapie, WIEN.
- BOJS, Karin: Die Mütter Europas. Die letzten 43 000 Jahre C. C.H.Beck, 2024.
- ELIADE, Mircea: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik. Suhrkamp, 1974.
- WAGNER, Manfred: Stoppt das Kulkturgeschwätz, Böhlau Wien, 2000
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