Kunst und Therapie- die zwei Standbeine von Kunsttherapeut*innen

KUNST UND THERAPIE

Warum Ganzheitliche Kunsttherapie zwei gleichwertige Standbeine braucht

Kunsttherapie ist bis heute ein Begriff, der bei manchen Menschen Fragezeichen auslöst.

Wie jetzt – Kunst oder Therapie?

Schon jedes dieser beiden Worte weckt eigene Bilder, Hoffnungen und Sehnsüchte, manchmal aber auch Befürchtungen und Berührungsängste.

Kunst kann mit Freiheit, Lebendigkeit und schöpferischem Ausdruck verbunden sein – aber auch mit dem Gedanken: Ich bin doch gar nicht künstlerisch. Therapie kann die Hoffnung auf Unterstützung und Heilung wecken, zugleich aber auch die Sorge, sich zeigen oder mit schmerzhaften Erfahrungen auseinandersetzen zu müssen.

Und was geschieht, wenn beides zusammenkommt?

An unserer Akademie verstehen wir Kunst und Therapie als zwei gleichwertige Standbeine der Ganzheitlichen Kunsttherapie. Beide müssen eigenständig entwickelt und erfahren werden.

Denn Kunsttherapie braucht beides: eine fundierte künstlerische Kompetenz und die Fähigkeit, Menschen in ihren inneren Prozessen therapeutisch verantwortlich zu begleiten.

DAS ERSTE STANDBEIN: DIE KUNST

Jedes künstlerische Medium besitzt eine eigene Sprache und Wirkweise.

Farbe wirkt anders als Ton, Bewegung anders als Fotografie. Das Arbeiten mit Holz eröffnet andere Erfahrungen als das Gestalten mit feinen Papieren. Ein Material kann öffnen, beleben oder stabilisieren. Es kann Widerstand oder Halt geben, Nähe ermöglichen oder Distanz schaffen.

Wer Menschen in schöpferischen Prozessen begleitet, braucht deshalb nicht nur Wissen über Kunst oder einzelne kreative Techniken. Es braucht eine eigene, gelebte künstlerische Erfahrung – mit den Händen, mit dem Körper und im persönlichen schöpferischen Prozess.

Dazu gehört auch, das Nichtwissen auszuhalten. Einer Spur zu folgen, ohne ihr Ergebnis bereits zu kennen. Zu erfahren, wie etwas entsteht, sich verändert, widersetzt oder wieder verworfen werden muss. Künstlerische Erfahrung bedeutet, mit Unsicherheit, Überraschung, Scheitern und Wandlung vertraut zu werden.

Erst durch diese eigene Erfahrung entwickelt sich ein Gespür dafür, was ein Medium auslösen kann, wann ein Prozess Unterstützung braucht und wann es notwendig ist, ihm Zeit und offenen Raum zu lassen.

Im Laufe unserer Ausbildung begegnen die Studierenden deshalb vielen unterschiedlichen Ausdrucksformen. Zugleich erhalten sie Raum, das eigene Medium zu vertiefen und darin eine künstlerische Heimat zu finden.

KUNST KANN HEILSAM WIRKEN

Dass die heilsame und gesundheitsfördernde Kraft der Kunst zunehmend wahrgenommen wird, ist eine wertvolle Entwicklung.

Unter Begriffen wie Art for Health entstehen vielfältige künstlerische Angebote, die Wohlbefinden, Ausdruck, soziale Verbundenheit und gesellschaftliche Teilhabe fördern können. Solche Erfahrungsräume besitzen ihren eigenen Wert und ihre eigene Berechtigung.

Doch nicht jede heilsame künstlerische Erfahrung ist bereits Kunsttherapie.

Künstlerisches Gestalten kann nicht nur Freude, Lebendigkeit und Verbundenheit ermöglichen. Es kann auch tiefe, vorsprachliche und verletzliche Schichten berühren. Über Farben, Formen, Bewegungen und Materialien kann etwas sichtbar oder spürbar werden, für das ein Mensch noch keine Worte oder innere Ordnung hat.

Manchmal reicht eine sinnliche Erfahrung an alte Verletzungen heran, die im Körpergedächtnis gespeichert sind. Ein schöpferischer Prozess kann dadurch unerwartet intensiv werden, aufwühlen oder überfordern.

Intensität allein ist noch keine Heilung.

Damit sich die heilsame Kraft der Kunst einem Menschen lebensdienlich und nachhaltig erschließen kann, braucht es im kunsttherapeutischen Kontext deshalb auch das zweite Standbein.

UNTERSCHIEDLICHE RÄUME – UNTERSCHIEDLICHE AUFGABEN

Kunst, Kunstpädagogik, Art for Health, Psychotherapie und Kunsttherapie können einander berühren und voneinander lernen. Dennoch eröffnen sie unterschiedliche Räume und sind mit unterschiedlichen Aufgaben und Verantwortlichkeiten verbunden.

In der Kunst kann der schöpferische Prozess oder das entstehende Werk im Mittelpunkt stehen. Kunstpädagogische Angebote ermöglichen Lernen, kulturelle Bildung sowie die Entdeckung und Entwicklung gestalterischer Fähigkeiten. Art for Health nutzt die gesundheitsfördernde und gemeinschaftsbildende Kraft künstlerischer Erfahrungen.

Psychotherapie wiederum ist ein eigenständiges therapeutisches Berufsfeld mit eigenen Ausbildungen, Verfahren und rechtlichen Rahmenbedingungen.

Kunsttherapie bewegt sich in einem besonderen Beziehungs- und Erfahrungsraum, in einem Dazwischen: zwischen Mensch, Material, Werk und therapeutisch begleitendem Gegenüber. Das künstlerische Medium ist dabei weder bloß eine Technik noch wird das entstandene Werk nachträglich therapeutisch „übersetzt“. Der schöpferische Prozess selbst wird zu einem Raum des Erlebens, Ausdrucks und möglichen Wandels.

Die Übergänge zwischen diesen Feldern können fließend sein. Umso wichtiger ist fachliche Klarheit. Sie schafft keine starren Grenzen, sondern macht sichtbar, in welchem Rahmen wir handeln und welche Verantwortung wir dabei übernehmen.

DAS ZWEITE STANDBEIN: DIE THERAPIE

Kunsttherapie braucht ein fachlich geschultes und präsentes Gegenüber mit therapeutischer Kompetenz.

Ein Gegenüber, das Beziehung gestalten, einen verlässlichen Rahmen halten und Resonanz geben kann. Das wahrnimmt, ob sich ein Prozess öffnet oder zu überfordern droht – und ob es gerade Vertiefung, Verlangsamung, Erdung oder Abstand braucht.

Diese Kompetenz entsteht nicht durch das Erlernen einiger Gesprächstechniken oder  Methoden. Sie entwickelt sich im Laufe einer mehrjährigen, umfassenden Ausbildung, in der theoretisches Wissen, therapeutische Praxis, künstlerische Erfahrung, Supervision und intensive Eigenerfahrung miteinander verbunden werden.

Therapeutische Kompetenz bedeutet für uns unter anderem:

  • das Tempo und die Wahlfreiheit eines Menschen zu achten
  • Sicherheit und Orientierung zu ermöglichen
  • einen Prozess nicht vorschnell zu deuten oder in eine bestimmte Richtung zu lenken
  • Ressourcen wahrzunehmen und zu stärken
  • Anzeichen von Überforderung zu erkennen
  • Grenzen zu achten und die eigenen fachlichen Zuständigkeiten zu kennen
  • psychodynamische Prozesse wie Übertragung und Gegenübertragung wahrzunehmen und fachlich zu reflektieren
  • das Erlebte gemeinsam einzuordnen und integrierbar werden zu lassen

Gerade weil Kunst unmittelbar wirken kann, braucht es ein Gegenüber, das nicht nur auf das entstandene Werk blickt, sondern den ganzen Menschen und das Beziehungsgeschehen im Blick behält.

WARUM EIGENERFAHRUNG UNVERZICHTBAR IST

Wer andere Menschen durch schöpferische und therapeutische Prozesse begleitet, bringt sich selbst mit in diesen Raum: die eigene Wahrnehmung, die persönliche Geschichte, Gefühle, Erwartungen, Resonanzen und blinden Flecken.

Deshalb ist Eigenerfahrung kein ergänzender Bestandteil einer kunsttherapeutischen Ausbildung. Sie gehört zu ihrem Fundament.

Künftige Kunsttherapeut*innen brauchen die Möglichkeit, selbst zu erleben, wie es ist, sich auf einen offenen künstlerischen Prozess einzulassen, berührt zu werden, an Grenzen zu gelangen und neue innere Bewegungen zu entdecken. Ebenso wichtig ist es, die eigenen Reaktionen im Kontakt mit anderen Menschen wahrnehmen und reflektieren zu lernen.

Professionelle Begleitung bedeutet nicht, selbst „fertig“ oder frei von persönlichen Themen zu sein. Sie bedeutet, Verantwortung für das eigene Erleben zu übernehmen und unterscheiden zu lernen: Was gehört zu meinem Gegenüber, was entsteht zwischen uns – und was wird in mir selbst berührt?

HALTUNG GIBT HALT

Zur kunsttherapeutischen Kompetenz gehört das Wissen um all jene Wirkweisen, die im künstlerischen Medium, im schöpferischen Prozess und im Dazwischen liegen: zwischen Mensch, Material, Werk und begleitendem Gegenüber.

Entscheidend ist deshalb nicht nur, was gestaltet wird, sondern auch, wie ein schöpferischer Raum eröffnet, gehalten und begleitet wird.

Wird das Werk vorschnell gedeutet oder darf seine Mehrdeutigkeit bestehen bleiben? Wird ein Mensch zu einem nächsten Schritt gedrängt oder kann er sein eigenes Tempo bestimmen? Werden Grenzen als Widerstand betrachtet oder als wichtige Form des Selbstschutzes geachtet? Bleibt die Wahlfreiheit auch dann erhalten, wenn ein Prozess intensiv wird?

Eine verantwortungsvolle Haltung lässt sich nicht auf eine Methode reduzieren. Sie zeigt sich in der Art, wie wir wahrnehmen, fragen, antworten, warten und Beziehung gestalten.

Erst im Zusammenspiel von künstlerischer Erfahrung, therapeutischem Wissen, einer tragfähigen Beziehung, intensiver Eigenerfahrung und einer verantwortungsvollen Haltung entsteht jener heilsame Raum, für den die Ganzheitliche Kunsttherapie an unserer Akademie steht.

KÜNSTLERIN UND THERAPEUTIN SEIN

Werden, sein und weiterwachsen

In der berufsbegleitenden Ausbildung entwickeln die Studierenden beide Standbeine gleichermaßen: ihre künstlerische Kompetenz und ihre Fähigkeit, Menschen in schöpferischen und therapeutischen Prozessen achtsam zu begleiten.

Theorie, künstlerische Praxis, therapeutisches Wissen und Selbsterfahrung stehen dabei nicht nebeneinander. Sie greifen ineinander und bilden gemeinsam das Fundament professioneller kunsttherapeutischer Arbeit.

Kunsttherapeutische Kompetenz ist nicht mit dem Abschluss einer Ausbildung vollendet.

Künstlerin und Therapeutin zu sein bedeutet, in Bewegung zu bleiben: die eigene künstlerische Sprache weiterzuentwickeln, fachliches Wissen zu vertiefen, Erfahrungen aus der Praxis zu reflektieren und die persönliche Haltung immer wieder zu überprüfen. Deswegen bietet wir an unserer Akademie auch Fortbildungen und Supervisionen für Kunsttherapeut*innen an.

Ganzheitliche Kunsttherapie ist für uns weder Therapie, die Kunst lediglich als Methode verwendet, noch Kunst, die im Nachhinein therapeutisch gedeutet wird.

Sie entsteht im lebendigen Zusammenspiel von Kunst und Therapie.

Nicht entweder – oder, sondern sowohl – als auch.

Und genau in diesem Und liegt ihr besonderer Raum.