Steigern wir die Menschlichkeit!

Die Überzeugung von der Kraft der Kunst und kreativer Prozesse trägt mich mein Leben lang und die der Kunsttherapie seit mehr als 25 Jahren – und sie ist ungebrochen.

Kunst eröffnet Räume für Entwicklung, für Begegnung und für eine lebendige Auseinandersetzung mit sich selbst und der Welt. Im Wandel der Zeit ist für mich immer noch eine lebensweltorientierte Begegnung mit jungen Menschen notwendig – ebenso wie eine wertschätzende Begegnung überhaupt.

Eine heilsame Quelle liegt im ursprünglich Kreativen. Es ermöglicht Entwicklung zuzulassen.

Vielleicht stehen heute gerade Achtsamkeit und Versinnlichung für ein gesundes Leben im Mittelpunkt.

Vielleicht steht heute besonders die Steigerung von Menschlichkeit im Vordergrund.

Vielleicht stehen heute Leidenschaft für Gemeinsinn, Gemeinschaft und echte Begegnung auf dem Programm, nachdem soziale Netzwerke mit übergriffigen Algorithmen ein Leben in Filterblasen hervorgebracht haben.

Nicht falsch verstehen: in meinem Zugang als auch Medienpädagogin finde ich digitale Welten und technische Errungenschaften äußerst wichtig – besonders dort, wo sie kreativ, Sinn stiftend und gemeinschaftsfördernd eingesetzt werden.

Gleichzeitig zeigt sich, dass ein reflektierter, gemeinnütziger Umgang mit digitalen Möglichkeiten keine Selbstverständlichkeit ist. Reflexiv geschulte Urteilskraft wird schwerer zu leben und benötigt eine große Bandbreite an Auseinandersetzung.

Ich bin überzeugt: Im Zuge von Diversität liegt die Chance, Differenzen produktiv zu nutzen. Soziale Emergenz kann – in meinen kühnsten visionären Träumen – zu einem friedvolleren Miteinander beitragen. Versöhnung statt Trennung, Wertschätzung statt Ausgrenzung. Es geht darum, Macht, Ausgrenzung und Zwiespalt nicht das Feld zu überlassen. Heute würde ich – mit derselben engagierten Haltung wie früher und mit unter auch selbstkritisch – ein bewusstes „In-die-Augen-Schauen“ einfordern – statt mit gesenktem Kopf in eine allzu künstliche, statt kunstvolle Welt zu blicken.

Aus einer zeitzeuginnenhaften Perspektive lade ich dazu ein, die künstlerischen, physischen, sinnlichen, emotionalen, intuitiven und geistigen Dimensionen unseres Lebens weiter zu erforschen.

In dem kunsttherapeutischen Ausbildungssetting gestalte ich diese ganzheitliche Annäherung an ein kreatives Leben mit – im Herzen des Ganzen die Kunst – offen für Wertepluralismus und für die Auseinandersetzung mit komplexen ethischen Fragestellungen im gesellschaftlichen Wandel.

Echte Erneuerung beginnt immer dort, wo wir uns ehrlich und sinnlich auf das Leben einlassen – und kein Feld ermöglicht das so selbstverständlich und kraftvoll wie die Kunst.

© Angelika Overbeck; Wien 2026