Von all den wunderbaren Phänomenen, die das Leben für uns bereithält, liebe ich besonders jenen glanzvollen Moment, in welchem ein ephemerer „Zipfel von etwas, das wirklich werden möchte“ durch meinen Geist streicht. Dies kann sich in vielfältiger Form vollziehen, sei es eine verbale Äußerung eines Passanten, die mir auffällt, oder die Art und Weise, wie sich ein modriges Ahornblatt im Drahtgeflecht eines Zaunes verheddert hat. Es kann noch subtiler sein, wie eine innere Haltung die mich für einen Sekundenbruchteil innehalten lässt, eine flüchtige Spannung in meinem Körper – was auch immer es ist, es vergegnet (siehe HEIDEGGER) sich mir mit einem stillen aber unalltäglichen Schimmer, der mich innerlich leise Kichern lässt, als hätte ein körperloses Wesen mir soeben einen unschuldigen Witz ins Ohr geflüstert.
Und dann beginnt der schöpferische Eiertanz zwischen Demut und Tatendrang, ein sensibles Spiel mit den in mir nun wach gewordenen Energien und dem leicht nervösen Blick auf diesen „Zipfel“, den ich nun möglichst nicht mehr aus den Augen verlieren möchte. Mit relativer Zuverlässigkeit bricht ein vielstimmiger Tumult in mir aus, den ich mittlerweile Dank meiner nicht mehr gar so wenigen Lebensjahre schon etwas unspektakulierter gewahren kann. Der „Zipfel“ ist brüchig wie eine Schneeflocke im Dampfbad und ich muss aufpassen, dass ich ihn von all den Assoziationen, die die „weniger genialen“ Sphären meines Geistes im ersten Schwall hervorbringen, unbehelligt bewahre. Entgegen der allgemeinen Annahme, dass die ersten Ideen stets die besten seien, sind es bei mir in aller Regel die plumpsten.
Wenn dies gelingt, dann beginnt der Zipfel an Kontur und Dichte zu gewinnen, er zeigt sich mir – oder noch viel lieber: „jenen, mit denen zusammen ich gestalte & mir“ – in zunehmend klarer und (mich oder uns klärender) Form. In einem Kollektiv co-kreativ in diese Sonne zu schauen ist für mich einer der köstlichsten Modi des Gemeinsamseins. Dazu jedoch, bedarf es ausreichender Läuterung im Vorfeld: jedweder Affekt, jedes noch so kleine Status-Spielchen, jegliches Zaudern oder Vorpreschen kann diesem süßen Entgegenwarten dieses Verwirklichungsprozesses den Garaus machen. Die Beziehungen zwischen gemeinsam schöpferischen Menschen bedürfen bewusster Pflege, sonst stellen sich Ungleichgewichte ein, die sich mit großer Zuverlässigkeit gegenüber dem Zipfel durchsetzen. Dann hat man am Ende wohl eine Gestaltung, aber der Glanz ist perdu und das Publikum sieht (was nicht notwendigerweise „erkennt“ bedeutet) nur die Symptome unausgegorener Beziehungen.
Im Buddhismus beschreibt der Begriff „Satori“ jenes absichtslose Handeln, welches auch für den schöpferischen Prozess so unverzichtbar ist, wenn man über den Zipfel hinaus herankommen möchte, an „was auch immer werden will“. Dabei stellt sich ein außergewöhnlicher Seinszustand ein, der für mich persönlich die eigentliche Perle bedeutet: eine innere Verzückung, ein Angebundensein an etwas liebevolles, tröstliches Lebendiges.
Und am Schluss ist da vielleicht auch eine Geschichte, ein Lied, eine Szene, eine Choreographie – aber das ist mir dann eigentlich fast schon völlig wurscht…
©HaraldSickha, 2025
