Über die Kunst durch´s Leben

Eine Annäherung an das, was einem selbst so selbstverständlich scheint, ist immer ein Wagnis.
So wie Kommunikation oder der Versuch der Vermittlung von etwas immer ein Wagnis darstellt.
Mit der Kunst und in weitere Folge der Kunsttherapie haben wir es darüber hinaus mit sehr persönlichen, besetzten, komplexen oder auch aufgeladenen Begriffen zu tun. Denn zu Kunst hat fast jeder eine Meinung und auch zur Therapie.
So kann ich in den folgenden Ausführungen nur ganz persönlich herangehen, an einen Weg, der zu einem Lebensweg wurde, an die Beschreibung von Sinn, Erfüllung und Berufung.

Wann ich bemerkt habe, dass ich Künstlerin bin, weiß ich nicht genau. Genau weiß ich nur, dass ich schon früh ein „Anders Sein“ wahrnahm, viele und starke Emotionen hatte und mich in der Natur wohl fühlte.
Meine Kreativität floss in viele handwerkliche Tätigkeiten, Zeichnen, Klavierspielen, Singen Tanz. Bereits früh begannen auch Irritationen in diesem Bereich, wie etwa die Aussage, nicht richtig singen zu können, zu viele Fragen zu stellen oder zu empfindlich zu sein.
Diese oder ähnliche Irritationen, sowie andere oft auch traumatische und/oder missbräuchliche Erfahrungen prägen viele von uns, sind Nebenwirkungen einer abgerückten Gesellschaft. Abgerückt vom Prozess des Lebens, von Verbundenheit, von Menschsein und Liebe.

Meine frühen Strategien damit umzugehen waren Gedichte schreiben, Malen, Beschäftigung mit spirituellen Ansätzen. Tatsächlich sollte es aber viele Jahre dauern, bis ich über diverse Ausbildungen, berufliche Erfahrungen und schließlich der Geburt meines ersten Sohnes zur ganzheitlichen Kunsttherapie fand.
Die Kunst hatte ich zu diesem Zeitpunkt, zwar in einer Galerie arbeitend, anderen vorbehalten.
Doch mein Weg führte mich hochschwanger mit meinem zweiten Sohn zum Einführungswochenende und ehe es mit so richtig bewusst wurde, hatte ich mich schon zur Ausbildung angemeldet.
In den kommenden Jahren war die Ausbildung nicht nur willkommene Abwechslung zu meinem sehr schönen, aber auch intensiven Leben als zweifache Mutter. Sie bot auch meinem Mann und unseren Söhnen exklusive und wertvolle Beziehungszeit. Und für mich wurde die Akademie auch der Ort, wo Muster erkannt, alte Wunden heilen konnten und sich meine Künstlerin endlich frei und ungezwungen entfalten durfte.
Als meine Vorstellung in vier Jahren abzuschließen von einer erneuten Schwangerschaft mit unserer geliebten Tochter „durchkreuzt“ wurde, bekam ich ein wundervolles Jahr exklusiv für meinen Kunstabschluss geschenkt und ein abschließendes erfüllendes fünftes Meisterjahr.

Mit dem Diplom folgte fast nahtlos die Anstellung zwar als Aktivtherapeutin aber dennoch mit möglicher kunsttherapeutischer Tätigkeit in einer Suchtklinik in Wien. Ein Jahr später durfte ich als Lehrtherapeutin an der Akademie starten.
Die folgenden Jahre wurden zu meinen Lehrjahren der erfüllenden kunsttherapeutischen Praxis, aber auch den nicht so schönen Erfahrungen, den eine große, privatwirtschaftlich geführte Institution im Gesundheitswesen mit sich bringt.

Nach 8 Jahren schloss ich diesen sehr intensiven Zyklus ab und konnte mich fortan wieder mehr meiner Familie, meiner individuellen Kunst und meinen Aufgaben in der Akademie widmen.

In dieser Zeit veränderte sich meine künstlerische Herangehensweise und ich begann mich zaghaft mit der eigenen Herstellung von Farben aus Pflanzen zu beschäftigen.
Der begonnene Prozeß entwickelte sich fast wie von selbst weiter, sodass aus Pflanzenfarben, selbst hergestellte Pflanzen-Pigmente im eigenen Färbergarten geerntet, wurden.
Mit den Farben kam auch die Beschäftigung mit einem selbst hergestellten Bildträger und der Flachs, aus dem Leinen gewonnen wird, erlangte meine Faszination, das komplexe Herstellungsverfahren alten Wissens, meine Begeisterung.

Diese Herangehensweise mit selbst hergestellten Naturmaterialen, dem Zyklus der Natur und ihren Bedingungen unterworfen, hat einen völlig neuen Begriff von ganzheitlicher Kunst (obwohl Kunst ja schon die Ganzheitlichkeit in sich trägt) erschaffen.
Ich bin dennoch für diese Tautologie, da sie meinen persönlichen prozessorientierten und konzeptuellen Zugang zu Kunst und Leben unterstreicht, die sich in Verbindung, Wertschätzung und im Einklang mit der Natur, der Tradition alter Handwerks- und Herstellungstechniken und der Gestaltung von eigner Hand, eines erfüllten und sinnvollen Lebens wiederspiegelt.

Das Schöne ist, das ich dadurch auch immer mehr die Phasen und Wege meines eigenen bisherigen Lebens begreife und die Ideen, das noch zu erlangende Wissen und die Visionen für das Zukünftige nicht ausgehen.

Dies ist es aber auch, was durch ganzheitliche, kunsttherapeutische Begleitung möglich ist und was ich bei vielen KlientInnen aber auch bei der Entfaltung unserer Studierenden anschaulich und berührend erleben durfte und darf. Nur ausprobieren muss man es selber!

„Kunst und Natur sind ganzheitlich und besitzen damit die Kraft, uns zu unserem Ursprung zurück zu begleiten um so bewusst, friedlich und heil in einer Einheit trotz Vielfalt Leben gestalten zu können.“
 
Angela Olbrich