Weit zurück, um zu verstehen…

Unsere Reise zu den Ursprüngen ist
zugleich die Reise in unsere Zukunft. (Gerda Weiler)

Durch das Abtauchen weit zurück in die Geschichte der Menschheit, wird langsam sichtbar, dass unsere angebliche Normalität dieser Zeit, alles andere als normal ist. Wir leben genau genommen in einem ziemlichen Ausnahmezustand!

99 Prozent der Geschichte des Menschen, in der wir als mobile Jäger und Sammler, so genannte Wildbeuter, unterwegs waren, hat sich tief in unsere Biologie eingegraben und hat unsere Entwicklung viel mehr geprägt, als heutzutage in den Erzählungen und Reflexionen unserer Geschichte berücksichtigt wird.

Natürlich geht es hier nicht um eine Glorifizierung einer romantisierten Steinzeit. Die Hinwendung zu dem UR des Menschen in der Welt und in seinem Zusammenleben mit anderen Menschen, und anderen lebendigen Wesen und der lebendigen Landschaft ist ein not-wendiger Prozess der Bewusstwerdung und des Verstehens, ein Prozess der Wieder-Anbindung. Verschmerzen und Trauern werden auf diesem Weg unabdinglich sein!

Die Ökologin und Naturphilosophin Dolores La Chapelle (2003/117) über das Argument, wir können nicht wieder zurückkehren zu den Strukturen von Stammesgesellschaften: „Wir müssen nicht zurückgehen, sondern das wirkliche Menschsein wiederentdecken.“

Unsere Zeit braucht am dringlichsten, dass wir Menschen in uns hineinlauschen und dort die Erde weinen hören. (Thich Nhat Hanh)

Der Mensch hat die Gabe Geschichten zu erzählen und kann so Zusammenhalt erwirken. Mythen haben immer einen Bezug zur Realität des Menschen und wenn wir lernen die alten Märchen und Mythen zu „lesen“ erfahren wir viel über die darunterliegenden, uralten Geschichten, die sich zunehmnd klarer offenbaren, je mehr man sie mit kundigem Blick zu lesen versteht. Dank einiger meiner Mentorinnen und Lehrerinnen, die auf diesem Gebiet Vorreiterinnen sind, habe ich diesen Blick zu schulen gelernt.

Es geht darum Spuren der Überformung zu erkennen um das darunter liegende zu befreien.

Die uralten Mythen der Menschen aus unserer vorpatriarchalen Zeit, also vor den Herrschaftssystemen der letzten 4000 Jahre, basieren auf den Beobachtungen des alltäglichen Lebens der Menschen im Rhythmus der Jahreszeiten!

Diese Mythen sind ernsthafte Berichte über alte spirituelle Bräuche und Ereignisse und tragen entscheidend zu unserem Verständnis jener Zeit bei, in der die Menschen in egalitären Gemeinschaften lebten und eng mit dem großen Ganzen verbunden waren.

Das Leben wurde als ein umfassender Zyklus betrachtet, ohne klaren Anfang und ohne endgültiges Ende, sondern mit fließenden Übergängen.

Mythen dienen in der Zeit als Träger kultureller Identität und des kollektiven Gedächtnisses.

Heute helfen sie uns zu verstehen, wie die Menschen ihre Welt interpretierten und welche Werte sie hochhielten.

Die Fähigkeit Geschichten zu erzählen!

Y.N.Harari beschreibt in seinem Bestseller „Sapiens- eine kurze Geschichte der Menschheit“ sehr eindrücklich, dass die Erfolgsgeschichte des Sapiens, die Fähigkeit war, fiktive Geschichten zu erzählen, die eine größere Gruppe von Individuen zusammenzuhalten vermag. Dies war von großer Bedeutung dafür, dass sich der Mensch so erfolgreich über die ganze Welt ausbreiten konnte. Harari bezeichnet dies als die kognitive Revolution.

Durch gemeinsame Geschichten und Mythen konnten auch größere Gruppen von Menschen gut zusammenleben.

Eine große Anzahl von Fremden kann erfolgreich zusammenarbeiten, wenn sie an gemeinsame Mythen glauben. Jede menschliche Zusammenarbeit in großem Maßstab – ob ein moderner Staat, eine mittelalterliche Kirche, eine antike Stadt oder ein archaischer Stamm – beruht auf gemeinsamen Mythen, die nur in der kollektiven Vorstellung der Menschen existieren. (Y.N.Harari)

Die landwirtschaftliche Revolution war nach Harari dagegen nicht, so wie uns lange erzählt wurde, DER bahnbrechende Erfolg in der Geschichte des Menschen

Es war eher eine mühsame Abfolge von Erfolgen und Misserfolgen. Sehr lange lebten erste Siedler:innen und Wildsammler:innen nebeneinander.

So stellt Y.N.Harari die These auf, dass es genauer betrachtet der Weizen war, der den Menschen domestiziert hat. Denn Tatsache ist, dass mit der Landwirtschaft sehr vieles für den Sapiens beschwerlicher wurde, während der Weizen sich über die ganze Welt ausbreitete- Dank der harten Arbeit des Menschen.

M.Shaliens zufolge bedeutet der Einzug der Landwirtschaft den Verlust der ersten Wohlstandsgesellschaft

Um Zahlen zu nennen: 2,25 Millionen Quadratkilometer sind mit Weizen bedeckt, während dieser noch vor zehntausend Jahren nur eines von vielen Wildgräsern war. Damit das dem Weizen gelingen konnte, tat der Mensch in aller Welt kaum noch etwas anderes als sich von früh bis spät um diese Pflanze zu kümmern, während die Jäger und Sammler davor noch ein vergleichsweise angenehmes Leben hatten- M. Shaliens bezeichnet deswegen diese fürhen Jäger-Sammlerkulturen als die ersten Wohlstandsgesellschaften.

Harari beschreibt ein ehernes Gesetz der Geschichte der Menschheit, das da lautet, dass ein vermeintlicher Luxus schnell zur Notwendigkeit wird wobe gleichzeitig neue Zwänge erschaffen werden. Sobald wir uns an einen Luxus gewöhnt haben verkommt er zur Selbstverständlichkeit.

Eines der wenigen eisernen Gesetze der Geschichte ist, dass Luxusgüter dazu neigen, zu Notwendigkeiten zu werden und neue Verpflichtungen hervorzubringen. (Y.N.Harari)

Diesen Gedanken finde ich sehr interessant, denn er erklärt mir einiges- haben wir Menschen in der heutigen Zeit trotz Maschinen, die uns den Haushalt und vieles vieles mehr erleichtern, trotz Emails und Handys und all dem ganzen Drumherum mehr Zeit für uns selbst?

Irgendwie im Gegenteil!


Wer erzählt uns die Geschichte?

Geschichte wird von denjenigen bestimmt, die sie erzählen. Diese Tatsache ist zum Glück mittlerweile kein Geheimnis mehr und so ist es an der Zeit die Geschichtsschreibung auf den Prüfstein zu legen.

In der Vergangenheit waren es vor allem weiße Männer, Sieger, die vor allem die Geschichte von Männern, den Siegern, erzählt haben. Und sie haben dies immer mit einer bestimmten Absicht gemacht- um die Macht und den Einfluß der herrschenden Gruppe zu sichern.

Und genau aus dem Grund, wurden wiederum andere Geschichten nicht erzählt oder nicht vollständig oder anders, als man sie hätte erzählen können.

Wir brauchen nur mal kurz hindenken, was die meisten Menschen für Bilder im Kopf haben, wenn wir an die Steinzeit denken und wie die Menschen zu der Zeit gelebt haben. Dazu kommen noch Filme, die eine verdrehte Realität zeigen und fertig ist das Narrativ.

Wer von Euch hat denn etwa in der Schule im Geschichtsunterricht von matrilinearen, egalitären Clans gehört, die hier, im Donauraum, lebten?

Und dann sind da auch noch die vielen Frauen, die als Wissenschaftlerinnen, Erfinderinnen und Künstlerinnen Großes geleistet haben, doch in den Geschichten, die erzählt werden, sind es dann Männer, die dafür Beifall und Anerkennung bekamen. Die Frauen werden dann zu den Musen oder zu den Schülerinnen, zu den Sekretärinnen und Ehefrauen besagter Männer.

Wenn man einige Geschichten der Geschichte nie erzählt, dann ist es so, als wären sie nicht gewesen. Gleichzeitig aber ist Geschichte immer auch ein Teil unserer Identität.

Wir erzählen Geschichte, als bestehe sie aus Fakten, wie diese Fakten zustande gekommen sind, fragen wir seltener.

Materialismus, Reduktionismus, Individualismus und ewiges Wachstum – diese Grundpfeiler einer gängigen Weltsicht haben uns in eine Sackgasse geführt. Die Geschichte, die uns dazu erzählt wurde, ist mittlerweile zu einem festen Narrativ geworden, das kaum hinterfragt wird.

Doch es ist nun die Zeit, neue Narrative zu schaffen und alternative Wege zu erkunden.


Unsere ur-alten Geschichten und Mythen

Unsere alten Mythen, wenn man ihre Sprache versteht, wenn man die Überlagerungen und Verdrehungen berücksichtigt und “abschält”, erzählen uns Geschichten von unseren frühen Vorfahren und ihrem zyklisch eingebettet sein!

Unsere Reise zu den Ursprüngen ist zugleich die Reise in unsere Zukunft (Gerda Weiler)

Viele der alten Mythen zeigen Frauen als Schamaninnen, Priesterinnen oder spirituelle oder gesellschaftliche Führerinnen, was darauf hindeutet, dass sie eine zentrale Rolle in den religiösen und spirituellen Praktiken der Gemeinschaften spielten.

Dabei dürfen wir nie mit unserem “patriarchalem Verständnis” auf diese matrilineare, Matriarchate Gesellschaftsformen schauen. Es geht darin niemals um Frauenherrschaft als Umkehrung der patriarchalen Männerherrschaft!

Die frühen matrilinearen Gesellschaften waren egalitäre Gesellschaften, die nach dem Mutterrecht lebten. Spiritualität war eingebettet in das alltägliche Leben und nicht davon getrennt.

Das machen die Funde von Kultgegenständen aus dieser Zeit deutlich, die zumeist rund um die Feuerstelle gefunden wurden. Die Feuerstelle war ebenso Zentrum des Alltags wie auch spirituelles Zentrum! Hier wurden Opfergaben dargebracht und Gebete gesprochen, um für Schutz und Fruchtbarkeit zu bitten.

Durch die patriarchalen Herrschaftssystemen und deren monotheistischen Religionen wurden sukzessive die spirituellen Praktiken aus dem Alltag herausgenommen, sie wurden formalisiert, was spezialisierte Orte für deren Durchführung erforderlich machte. Diese Veränderung vollzog sich nicht von einem Tag auf den anderen sondern über mehrere Jahrhunderte und oftmals sehr gewaltvoll!

Und sie veränderte zunehmend die Sicht auf die Welt und die Rolle der Frau!

All diese Überlagerungen als diese zu entlarven und sie abzutragen, ist das Gebot der Zeit. Um zu Verstehen und um zu Erkennen, um wider der Trennung Handlungsräume zu erschaffen. Für eine neue Gesellschaft in egalitärem Zusammenleben und einem lebensdienlichem Miteinander!

©LilianFRITZ2026