Kunst als unsere Urmuttersprache

Die Rolle von Spiritualität in der ganzheitlichen Kunsttherapie

Für mich umfasst Spiritualität all jene Erfahrungen und Vorstellungen, durch die man sich einem größeren Ganzen zugehörig fühlt.

Wir werden einer tiefen Dimension des Menschseins sowie eines ganzheitlich sinnbezogenes Verständnis unseres Eingewoben-Seins in die Welt gewahr. 

Das steht nicht im Widerspruch zu Wissenschaft oder dem rationalen Feld – es ist schlicht ein anderes Feld von menschlichem Wissen.

Eine Feld, das Fragen nach Sinn, Ehrfurcht und ganzheitlichem Verstehen stellt, Fragen, die empirische Messung allein nicht vollständig beantworten kann.

Wir sind ganzheitliche Wesen und brauchen ganzheitliche Antworten

Der Quantenphysiker Hans Peter Dürr hat dies in meiner Wahrnehmung auf wundervolle Weise verkörpert. Wer ihn über die Strukturen der Wirklichkeit sprechen hörte, konnte meinen, einem Mystiker zuzuhören.

Je tiefer er in die Grundlagen physikalischer Existenz eindrang, desto mehr wurde seine Sprache eine des Staunens, der Vernetzung, des Unaussprechlichen. und so hat er uns auch immer wieder eingeladen, die Hand offen zu lassen und der geschlossenen Faust vorzuziehen, also offen zu bleiben gegenüber der Wirklichkeit

Das ist kein Widerspruch zur wissenschaftlichen Strenge – es ist vielmehr ihr konsequentes Ende. Je genauer wir hinschauen, desto mehr begegnen wir dem, was unser Verstandesdenken übersteigt.

Wissenschaft und Spiritualität kommen, wenn sie wirklich ernst genommen werden, oft an demselben Punkt an: vor dem Erkennen eines Zusammenhangs, der eine tiefe Demut einlädt und Hochmut zurückweist.

Je näher das Wort am Unsagbaren ist, umso wahrer ist es.

(Walter Benjamin)

Je stärker die Technologisierung zunimmt, desto bedeutsamer wird diese Dimension. Digitale Umgebungen sind auf Effizienz, Produktivität und messbare Ergebnisse ausgerichtet. Sie sprechen uns auf der Ebene von Information und Kognition an – aber sie nähren nicht jene Schicht des menschlichen Selbst, die fragt:

Was bedeutet das? Wohin gehöre ich? Was ist heilig?

Fehlt die bewusste Pflege dieser Schicht, fehlen die ganzheitlichen Antworten und es entsteht eine innere Fragmentierung, es kann Orientierungslosigkeit entstehen und für diese haben wir alle möglichen Kompensationsstrategien parat.

Spiritualität meint nicht den Rückzug aus der Welt, sondern eine tiefere Art, in der Welt zu sein.

Wir sind keine menschlichen Wesen mit spirituellen Erfahrungen, wir sind spirituelle Wesen mit menschlichen Erfahrungen 

(Pierre Teilhard de Chardin)

Gesunde Spiritualität bringt dich zu dir selbst

Wenn wir von Spiritualität als heilsamer Kraft sprechen, ist allerdings auch ein genauer Blick dienlich, was ihre Merkmale sind, um sie von „ungesunder Spiritualität“ unterscheiden zu können.

Eine gesunde Spiritualität bringt dich, so wie eigentlich alle Ressourcen, immer zu dir. Sie erweitert deine Selbstwahrnehmung und deine Selbstwirksamkeit – und stärkt zugleich deine Fähigkeit, Grenzen zu setzen und eigene Grenzen behutsam zu weiten. Sie macht dich nicht kleiner. Sie zwingt dir weder Schuld noch Scham auf. Sie macht dich klarer und weiter.

Gesunde Spiritualität erlaubt ein Sowohl-als-auch statt eines Entweder-oder und niemals fördert sie Spaltung. Sie unterstützt die Fähigkeit, Widersprüchliches gleichzeitig bestehen zu lassen und beidem einen Platz zu geben. Auf diese Weise stärkt Spiritualität sogar deinen Realitätssinn: Sie redet nichts schön (#toxischePositivität) und nichts klein – sie hält dem stand, was ist…

Und sie wirkt auch nach außen… eine gesunde Spiritualität verbessert deine Fähigkeit, Beziehungen gesund zu gestalten und echte Verbundenheit zu erleben.

Es ist eine große Kraft, spüren zu können, dass man über das Weltliche und über den menschlichen Raum hinaus in etwas Größeres gebettet und darin gehalten ist und sich gleichzeitig mittendrin  erleben und erfahren kann – eben menschliche Erfahrungen machen kann.

Wenn Spiritualität von dir wegführt…

Wenn eine sogenannte Spiritualität uns von uns selbst wegbringt – beispielsweise als Flucht aus dem Körper, aus den Gefühlen, aus dem, was wir als Wahrheit wahrnehmen können, als Flucht aus Konflikten und aus Verantwortung –, wenn sie Spaltung erzeugt oder Abhängigkeiten nährt, dann ist sie keine gesund gelebte Spiritualität.

Bestimmt hast du schon einmal den Begriff Spiritual Bypassing gehört.

Geprägt wurde dieser Begriff in den 1980er Jahren vom Psychotherapeuten John Welwood. Er beschrieb damit die Tendenz, spirituelle Ideen und Praktiken zu nutzen, um unbewältigte emotionale Themen, ungelöste psychische Wunden und unerledigte Entwicklungsaufgaben zu umgehen, anstatt sie zu durchleben. Spiritualität wird so zum Ausweichmanöver, wird eine Kompensationsstrategie – ein Umgehen von etwas, das eigentlich angeschaut werden müsste, um integriert werden zu können…

Besonders heikel sind in meiner Wahrnehmung spirituelle Ideen, die Täter und Opfer verschleiern oder umkehren. Dazu gehört etwa die Vorstellung, dass man für schlimme, missbräuchliche Erfahrungen selbst verantwortlich sei – dass man sie sich als „seelische Erfahrung“ ausgesucht habe oder ihnen auf irgendeiner Ebene zugestimmt habe, weil sie einem sonst nicht widerfahren wären. Solche Gedanken klingen nach Sinnstiftung, verschieben aber die Verantwortung auf die Verletzten und sind weiterhin verletzend.

Eine ähnliche Dynamik zeigt sich in spiritueller Abhängigkeit. Wer früh erfahren hat, dass Menschen gefährlich sein können, für den ist es verführerisch, sich intensiv mit dem Nichtmenschlichen zu verbinden – in einer Art Scheinbefriedigung von Verbundenheit. Darin liegt eine große, oft unerfüllte Sehnsucht nach Bindung. Und genau diese Sehnsucht kann in Abhängigkeiten führen: etwa zu einem spirituellen Guru oder einer spirituellen Führerin, eine Person, die sich selbst erhöht und als perfekte Übertragungs- und Projektionsfläche dient. Auf diese Person lässt sich dann die ganze unerfüllte Bindungssuche übertragen – mit dazugehöriger Unterwerfung…

Das bei sich selbst zu erkennen, kann helfen, sich selbst zu verstehen ohne sich selbst zu verurteilen.

Denn: Hinter jeder Kompensationsstrategie liegt auch das „Prinzip des guten Grundes“.

Jedoch dient eine Kompensationsstrategie auch der Vermeidung und ist so niemals nachhaltig oder integrativ und trägt langfristig nicht zur Gesundung bei.

Kunst als Urmuttersprache

Von den frühesten Höhlenmalereien bis zu zeitgenössischen Installationen war Kunst untrennbar mit Spiritualität verbunden, ebenso mit Ritual, mit Symbolsprache, mit dem Versuch dem „Unaussprechlichen“ eine Form zu geben.

In diesem Sinne können wir Kunst und Symbolsprache, eingebettet in eine „Alltagsspiritualität“ als die Urmuttersprache des Menschen verstehen. (LF)

Bevor es Schrift gab, bevor es Philosophie oder Theologie gab, haben Menschen gemalt, gemeißelt, getanzt und gesungen, sich Geschichten erzählt – um sich in der Welt zu verstehen und um sich selbst mit dem Heiligen in Beziehung zu setzen.

Symbolischer Ausdruck war keine Ergänzung zum Leben – er war das Leben, eingewoben in Heilung, Gemeinschaft und kosmologisches Verstehen.

Diese Sprache ist nicht verschwunden.

Aber sie wurde verschüttet, überlagert und verdreht – unter Jahrhunderten der Rationalisierung, unter unzähligen Schichten von Trauma, unter dem Missbrauch von Spiritualität für eigene Zwecke und die eigene Propaganda und durch die zunehmende Trennung von Heiligem und Alltäglichem. Gewürzt mit einer dicken Schicht von Amnesie als Folge…

Und dennoch lebt diese Sprache in uns weiter…

Kreativität als Gabe und Verantwortung

Mensch zu sein bedeutet, schöpferisch gestalten zu können. Wir sind nicht nur Beobachter der Welt – wir sind Mitgestaltende. Das ist eine Gabe. Und mit jeder Gabe kommt Verantwortung. (LF)

Wie bringen wir unsere Kreativität in die Welt, sodass sie nicht nur dem individuellen Ausdruck und dem Ego dient, sondern dem Wohl des Ganzen? Was will durch uns in die Welt? Wie weben wir uns heilsam ein – mit unserer Kunst, unserer Arbeit, unserem schöpferischen Sein…

 

Kunsttherapie als heilsames Wiederverweben

In unserer Arbeit ist Kunst nicht nur Ausdrucksmittel. Sie ermöglicht ein Wieder-verweben, von dem was getrennt wurde: Kunst und Heilung, Ritual und Alltag, das Magische und das Profane, das Heilige und das Gewöhnliche.

Kunst arbeitet auf der Ebene der Symbolsprache – der Urmuttersprache – und erreicht damit Dimensionen des Erlebens, die Worte allein nicht berühren können.

Was in einer guten Kunsttherapiesitzung geschieht, ist eine Form von Wiedererinnerung. Nicht an Fakten – sondern an Zugehörigkeit. Eine Person verbindet sich neu mit ihrer eigenen schöpferischen Kraft, ihrer symbolischen Innenwelt und dadurch mit etwas, das größer ist als das isolierte Ich.
Heilung, Kunst, Ritual, Alltag – das gehört zusammen.

Kunsttherapie hält diese ursprüngliche Einheit und schenkt sie uns behutsam zurück.

©LilianFRITZ2026